Pfarrer

Liebe Christinnen, liebe Christen am Balaton und in anderen Orten,


die Jahreslosung wird, anders, als der Name ver-muten lässt, nicht ausgelost, sondern von der „Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen“ gewählt. Die Mit-gliedsverbände reichen Vorschläge ein, über die in der Hauptversammlung diskutiert wird. Schließlich einigen sich die Mitglieder auf ein Bibelwort, das sie dann entweder aus der katholischen Einheitsübersetzung oder aus der evangelischen Lutherbibel zitieren. Die Jahreslosung für 2021 wurde bereits vor vier Jahren festgelegt. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!" (Lukas 6,36)

Schon vor der Zeit der Pandemie er- lebten wir unsere Welt als nicht barmherzig. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beschreibt 2018 in seinem Buch „Die große Gereiztheit“, die Gereiztheit die allerorten herrscht. Das jetzt während der Zeit der Pandemie bei manchen nach Monaten im Ausnahmezustand die Nerven angespannt sind, kann man verstehen. Nicht verstehen kann ich aber, wenn Medien, die als „soziale Medi- en“ doch dem Mit- einander dienen sollen, zu Tummelplätzen für Hassreden, Beleidigungen und Verschwörungen werden. Rechtha- berei und Unbarmherzigkeit bewirken keine Heilung in Krisen. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Jesus verbindet den Ruf zur Barmherzigkeit mit der schlichten Mahnung: „Richtet nicht“, und das können wir alle im Alltag Tag für Tag umsetzen.

Sicher kennen Sie die bekannte Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“. Dort rettet ein Mann aus dem Land Samarien einen Fremden, der unter die Räuber gefallen ist. Der namenlose Helfer versorgt die Wunden des Verletz ten, bringt ihn an einen sicheren Ort und bezahlt sogar noch für seine Pflege. Und er macht das, ohne dass er mit dem Verletzten verwandt, befreundet, bekannt ist oder in irgendeiner anderen Beziehung zu ihm steht. Eher das Gegenteil: Die beiden gehören sogar zwei unterschiedlichen Religionsgemeinschaften an, die sich gegenseitig geringschätzen. Der Samariter hilft also einfach so und ist damit „barmherzig“. „Gehe hin und tue desgleichen“ (Lukas 10,37), fordert Jesus auf. Mache es also so wie dieser Samariter. Helfe Anderen in ihrer Not mit deiner Zeit, deinem Zuhören, deinem Geld, dei- nem Wissen und deiner Tatkraft.

Doch zur Barmherzigkeit gehört das Erbarmen. Barmherzigkeit heißt also nicht nur, in der Not zu helfen, sondern auch, die Fehler und das Versagen des Anderen ihm nicht anzurechnen.

Ich bin zur Barmherzigkeit herausge fordert, in der Weise, dass ich mich in die Situation des Anderen hineindenke und mit ihm nachsichtig umgehe. Ich soll mir bewusst sein: Was Jesus für mich getan hat, ist immer größer als das, was mir angetan wurde. Was Jesus mir vergeben hat, ist immer größer als das, was Andere mir schulden. Weil ich selbst Gottes Barmherzigkeit erlebt habe, kann ich diese Barmherzigkeit Gottes auch an andere weitergeben.

Das bedeutet ganz konkret und aktuell: Ich bin herausgefordert, barmherzig mit unseren Politikern umzugehen. Es ist leicht, die Unsicherheit der Politiker im Umgang mit Covid 19 und ihre Fehler ins Scheinwerferlicht zu rücken. Barmherzig zu sein, heißt aber, für sie zu beten und ihnen ihre Fehler nicht nachzutragen. Dass kann sehr herausfordernd sein, vor allem dann, wenn ihre Entschei- dungen negative Folgen für meinen All- tag haben. Wie im Großen, so im Kleinen. Wenn Schuld aufgearbeitet und ver- geben werden muss – die Grundlage da- für ist ganz anders, wenn ich den Anderen mit barmherzigen Augen ansehe.

Wir dürfen uns aber nicht von der Folie der Unbarmherzigkeit den Blick verstellen lassen. Barmherzigkeit haben gerade in der Krise Viele gezeigt: in der Pflege in Altenhei- men und Krankenhäusern. Aber auch in- dem wir andere schützten, in den Nach- barschaften und Gemeinden spontan und kreativ Hilfen ermöglichten. Weit ab von manchen schrillen Tönen ist die Corona- Zeit längst zu einer Erfahrungszeit gelebter Barmherzigkeit geworden.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vascher Appell, den Jesus an seine Gemein- de richtet. Er erinnert uns vielmehr da- ran, dass wir alle immer wieder Barmher- zigkeit und Gnade erfahren haben. Aus dieser Kraft leben wir. Weil Gott die Liebe ist. Dieser Gott will uns auch den Blick und die Kraft dazu geben, seine Barm- herzigkeit zu leben. Barmherzigkeit wird in einer Welt auffallen, in der es menschlich kälter wird. Deshalb fordert Gott uns 2021 heraus: Seid nun barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Bei all den Herausforderungen, vor die wir im Jahr 2021 gestellt sind, brau- chen wir Kräfte, die heilen. Wir hoffen sehr, dass durch die begonnene Impfaktion die Pandemie überwunden wird. Aber wir brauchen auch Heilung für unser Miteinander. Barmherzigkeit und Liebe, das sind die heilsamen Kräfte für unsere Seele, das ist unsere Wegzehrung, damit wir leben können und anderen zum Leben verhelfen.

Ihre/Eure
Pfarrerin Rita Mick-Solle


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