Pfarrer

Liebe Christinnen, liebe Christen am Balaton und in anderen Orten,


Das neue Jahr ist nun schon fünf Wochen alt. Ich weiß nicht, wie Sie das Jahr 2021 begrüßt bzw. begonnen haben. Häufig verbinden wir den Jahreswechsel ja mit vielen guten Vorsätzen für unser Leben. Nur leider erweisen sich diese guten Vorsätze sehr schnell als nicht durchführbar - oder wir vergessen sie schlicht und einfach ganz schnell wieder. Denn die Ausnahmesituation der letzten 11 Monate lässt sich immer schwerer tragen. Die Sehnsucht nach „Normalität“, nach Abenteuer, nach Abwechslung, nach Horizonterweiterung durch kulturellen Veranstaltungen, nach Kontakten ist groß. Doch finde ich, dass wir die Begrenzung, die wir erleben, nicht als das Ende sehen sollten, sondern als Möglichkeit, neue Räume zu erkunden und zu eröffnen. Für  mich persönlich, aber auch im Miteinander mit anderen, um trotzdem das Leben zu  leben  und auch zu genießen. Mit all meinem Unvermögen.

Vielleicht will oder muss ich mich ändern, um neue Räume zu erkunden und zu öffnen – aber ob ich es schaffe? Vielleicht bin ich auch traurig über bestimmte Macken und Fehler, die ich habe, die mich hindern, mutig und zuversichtlich in die Zukunft zugehen.  Als ich darüber nachdachte, kam mir eine kleine Geschichte wieder ins Gedächtnis, die ich vor einigen Jahren gelesen habe: „Der Sprung in der Schüssel.“

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug. Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste.

Am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll. Zwei Jahre lang geschah dies täglich: die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause.

Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.

Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau: „Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.“ Die alte Frau lächelte. „Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht? Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.“ (Autor und Quelle unbekannt)

In diesem Sinne wünsche ich uns allen viele Blumen am Wegesrand und die Gewissheit, dass Gott aus unseren Fehlern und aus unserer Mut- und Hoffnungslosigkeit durchaus etwas machen kann. Vielleicht ist es dann gar nicht mehr so schlimm, wenn ich einen ‚Sprung in der Schüssel’ habe.

Ihre/Eure

Pfarrerin Rita Mick- Solle


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