Es ist ein Ros entsprungen


aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art, und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht“ (EG 30,1).

Das alte Weihnachtslied aus dem 16. Jahrhundert bezieht sich vermutlich auf die Christrose, also auf jene eigenartige Pflanze, die im Lauf der Jahreszeiten so völlig aus dem Rahmen fällt und die sich einfach nicht an den gewohnten Biorhythmus hält. Dass ausgerechnet in der frostig-kalten Jahreszeit, diese sonderbare Pflanze ihre weißen Blütenköpfe aus der Erde streckt, das ist schon mehr als wagemutig und verrückt. Die Christrose trotzt dem eisigen Klima. Unbekümmert leisten diese schlichten Blumen Widerstand gegen die Kälte und den Tod. Da, wo sonst nichts zu hoffen ist, überraschen und erfreuen sie uns „wohl zu der halben Nacht“, also in der dunkelsten Zeit.

Auch wir leben in ein er dunklen Zeit. Was kommt denn noch alles auf uns zu? So fragen sich viele angesichts von Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg und Klima-Wandel.

Da spendet mir das Bild von der Christrose Trost. Denn wie die Christrose, so ist Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus unerwartet in unserer kalten Welt erschienen. Dass es einmal einen Retter geben würde, einen Messias, davon ist immer wieder in der hebräischen Bibel die Rede. Doch dass Gott selbst diese Aufgabe übernehmen würde, dass er persönlich kommen würde und dann auch noch als schutzloses Menschenkind, das war nie zu erwarten. Gott taucht da auf, wo keiner mit ihm rechnet. Aber er kommt nicht gewaltig und mit großem Getöse. Sondern er erscheint „mitten im kalten Winter“ und blüht da auf, wo nichts mehr zu hoffen war. So ist Gott noch in seiner Schwachheit souverän. Er überrascht und beschämt uns, er bezwingt uns liebevoll mit seinem göttlichen Humor: Gott wird ein Kind! Dabei ist es ihm ernst. Und wenn es sein muss, setzt er für uns die Jahreszeiten und Naturgesetze außer Kraft, um uns zu retten und uns nah zu sein „mitten im kalten Winter“, mitten in unserer Nacht.

In diesem Sinne wünsche ich Euch und Ihnen allen ein gesegnetes und friedvolles Weihnachtsfest und ein behütetes Jahr 2023.

Ihre/Eure

Rita Mick-Solle

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